Unter diesem Titel könnte man ja beinahe über alles Aktuelle von heute schreiben. Die Arbeitsmarktpolitiker blöken wie belämmert, weil die Agentur für Arbeit auch im kommenden Jahr wieder ein Riesenfinanzloch aufweisen wird, die NATO-Staaten blöken, weil Afghanistan immer noch ein Schrecken ohne Ende ist, und sogar der FC Bayern hat derzeit genug Probleme, die zum Himmel blöken. Was also soll ich heute mal anpieksen? Ach ja, da kommt mir die blitzartige Idee, mir doch mal den Opelblitz näher anzusehen. (Hier wäre übrigens die neumodische Binde-strichschreibung völlig fehl am Platze, denn beim Opel-Blitz handelt es sich um einen Lieferwagentyp und nicht um das Firmensymbol.)
Doch ich gebe zu – es verschönerte meinen Tag, als ich am frühen Mittwochmorgen auf einer längeren Autofahrt in den Fünfuhr-nachrichten hörte, dass GM sich doch nicht von Opel trennen, sondern den Laden selbst ausschlachten, scusi, restrukturieren wolle. Ich hatte bisher den ganzen Turbulenzen nur sehr mäßiges Interesse entgegenbringen können, denn nach der Erfahrung vieler Jahre ist die alljährliche Opelkrise nichts weiter als der traditionelle Auftakt der Weihnachtssaison für die Wirtschafts-blätter, die ihre Titelseiten mit den folkloristischen Bildern von trillerpfeifenblasenden Bandarbeitervatis und -muttis schmücken können, bevor dann das Weihnachtsgeschäft in Prognose, Verlauf und Nachbetrachtung in den Mittelpunkt rückt, und damit der unvermeidliche Hubertus Pellengahr, Oberindianer bei irgendeinem Einzelhandelsverband, seine Leichenbittermiene in die Kameras der Zeitungsfritzen hängen darf.
Nun gut, dieses Jahr war es etwas früh für den Opelspekulatius, er wäre nämlich noch vor die Sommerferien gefallen, und da sind selbst deutsche Discounter noch nicht auf Weihnachtsware eingestellt, das dauert dann doch noch zwei Wochen oder so … Dennoch war mir von vornherein sonnenklar, dass das alte Prinzip des Dinner for one: „Es ist all’ die Jahre gut gegangen und es wird auch dieses Jahr wieder gut gehen“ erneut greifen würde, denn noch hat es keine Bundes- oder Landesregierung, gleich welcher Fellfärbung, verabsäumt, Opel in einem schwierigen, aber erfolgreichen Rettungsprozess zu begleiten, der regelmäßig dazu führte, dass sich die Politniks selbst mit dicken Backen auf die Schultern klopften, während wieder einmal 5.000 – 7.000 Opelarbeiter ihren Job verloren; aber immerhin, ohne Intervention der Staatsmänner wären es – Tausend her oder hin – bestimmt 6.000, und damit ja viel schlimmer geworden.
Es kam ja auch so. Merkel, Rüttgers, Beck, Althaus und Koch warfen sich in die Bresche, als wenn’s kein Morgen mehr gäbe, denn schließlich galt es ja, wieder einmal diese gute alte deutsche Firma, die ja erst seit 80 Jahren den Amis gehört, zu retten. Schließlich, was sind denn 80 Jahre? Opel bleibt deutsch, so deutsch wie das Saarland, bei dem es allerdings keine achtzig Jahre der Trennung waren, oder wie Elsaß-Lothringen, bei dem es weitaus mehr als achtzig Jahre waren, … aber ich sehe gerade, dass ich hier etwas abschweife, jedenfalls bleibt Opel deutsch, Punktum! Der Phantasie waren keinerlei Grenzen gesetzt, jedes nur denkbare Modell durfte sich größter Aufmerksamkeit sicher sein, wenn es auch nur in Entferntesten einen reißerischen Artikel, äh … ein seriöses Rettungsmodell versprach. Besonders apart fand ich persönlich den Vorschlag der vereinigten Opelhändler, die Firma selbst zu kaufen. Wie bestreuselt muss man eigentlich sein, um zu glauben, dass die abhängigen Zweitverwerter in der Wertschöpfungskette jemals in der Lage sein könnten, den Herstellungsbetrieb zu übernehmen? Das stellt nicht nur die Gesetze der Betriebswirtschaft auf den Kopf, sondern auch den Opelchefs ein miserables Zeugnis aus, da sie offenbar so hohe Gewinnmargen für die Händler übrig ließen, die damit nichts Besseres anzufangen zu wissen glaubten, als die Kohle ins Fass ohne Boden schaufeln zu wollen.
Doch solche Kindereien beirrten unsere fünf apokalyptischen Reiter nicht, sie flogen nach Washington – und aus dem dortigen Weißen Haus -, sie verhandelten in Detroit – und wurden hopp genommen -, sie versuchten in Deutschland, – ebenfalls schwer kriselnde – Konkurrenten zu beschwatzen, das letzte bißchen vorhandene Liquidität in einen Topf zu werfen, um damit die Geisel Opel heimholen zu können, und mussten sich mit gezeigtem Vogel und ungläubigem Kopfschütteln bei den Herren der Räder begnügen, kurzum: es war eine rechte Ochsentour, und heraus kam dabei gar nichts.
Nun war guter Rat teuer, doch, wie schon so oft in aussichtslosen Situationen, kam Hilfe aus Österreich: Frank Stronach, Austro-Kanadier und trotzdem mit einer gut gehenden Zulieferfirma für die Automobilindustrie begabt, wollte nun endlich mal auch selbst ein ganzes Fahrzeug zusammenschrauben dürfen, und machte daher, gemeinsam mit der russischen Sber-Bank, die nicht nur Geldgeber, sondern auch ein, zugegebenermaßen klug gewählter, strategischer Partner war, ein Übernahmeangebot. Das Engagement war sehr überschaubar (man wollte gerade mal 500 Mio. € riskieren), aber die Pläne hatten, geradezu öster-reichtypisch, wohl einen gewissen Charme (auch „Schmäh“ genannt) und vor allem waren sie wohl wenigstens einigermaßen realistisch.
Friede, Freude, Magna-Fähnchen allerorten, nur die Amis fingen auf einmal an, Faxen zu machen: Sell, hold, sell, hold, selbst diejenigen deutschen Politiker, die, anders als unser Außen-minister, kein humanistisches Abitur haben, und deswegen nur auf Englisch zurückgreifen können, ließen sich die Schreiben aus den USA vorsichtshalber übersetzen, denn ein einziges falsches Wort hätte eine Staatskrise und, tant pis, eine Wahlschlappe hervorrufen können.
Nur einer, ein fränkischer Adliger mit einer Gattin aus dem Hause Bismarck-Schönhausen (solch’ ein Pedigree muss ich einfach einmal würdigen), also Karl-Theodor von und zu Guttenberg, hatte, obwohl eigentlich mit den Usancen jenseits des Atlantiks bestens vertraut, oder vielleicht gerade deshalb, zu einem sehr frühen Zeitpunkt kein Lust mehr, den Bärenführern in Detroit nach der Pfeife zu tanzen. Es schlug eine Planinsolvenz vor, erntete Sturm, hielt die Klappe, wurde dafür mit der Sympathie der meisten Bundesbürger belohnt, durfte sich nach der für seine Couleur gewonnenen Wahl das Ressort aussuchen, löste glücklicherweise den „hessischen Sesselwärmer“ ab (für den sich unglücklicherweise ein anderer Posten fand, auf dem er auch viel Schaden anrichten kann), brachte seine Truppe mit nur zwei Worten, nämlich „kriegsähnliche Zustände“, hinter sich, wird voraussichtlich ein guter Verteidigungsminister, würde vermutlich in einigen Jahren auch ein guter Kanzler, wird dies aber vermutlich nie erreichen, weil ihn die dummen, unfähigen und sozialneidischen Kräfte in der politischen Kaste nicht weiter hochkommen lassen werden. Wie auch immer, Guttenberg warf den Amis einen Stein in den Garten, und dass er daran recht getan hatte, zeigte sich nur wenige Wochen später, als am 3. November der Besitzer der Firma Opel die Frechheit besaß zu erklären, dass er nicht an einem Verkauf interessiert sei, weil man für die German Autobauers noch gute Chancen sehe.
Quelle catastrophe! Welche Perfidie! Wie unglaublich überheblich! Asozial! Kein bißchen Ahnung von deutscher Montanmitbestimmung! Einfach unfassbar!
Nö, nicht wirklich, Leute – ganz im Gegentum: Es ist unfassbar einfach. GM hat sich, dank protektionistischer Maßnahmen der US-Regierung, bestens erholt, möchte sich den europäischen Markt nicht abgraben und die Russen nicht mit Opel-Patenten herumwursteln lassen; die bisherige Staatshilfe zahlen die Detroiter aus der Portokasse zurück, weil sowieso die Deutschen die Last tragen müssen, und sei es in Form der Arbeits-losenunterstützung für die Opelaner, und ein wenig Liquidität schaut bei der Sache sogar auch noch heraus. Wer würde in dieser Situation verkaufen? Vorsicht, wer jetzt „Hier!“ ruft, hat erstens den Kapitalismus nicht verstanden und wird zweitens darüber hinaus der Blauäugigkeit geziehen.
Grund dafür ist, dass man nicht die shareholdervalueverhafteten GM-Bosse zu Sündenböcken machen sollte, denn die haben nur getan, was systemimmanent gedacht richtig ist, man sollte viel eher die Politiker fragen, ob sie wirklich so dumm sind zu glauben, dass sich Hardcoreprofiteure à la Frederick A. Henderson („Fritz“ ist bei mir für jemanden Verdienstvolleren reserviert) von den Appellen rührseliger deutscher Provinzpolitiker beeinflußen lassen. Sollte man dies in Düsseldorf, Erfurt, Wiesbaden, Mainz und Berlin wirklich denken, dann bitte ich nur noch darum, mir, möglichst in neutralem Umschlag, mitteilen zu wollen, wie ich aus dem deutschen Staatsverband austreten kann; sollte dies nicht der Fall sein, so möge man mir bitte erklären, wieso Jürgen „Der das züngelnde ‘Sch’ spricht“ Rüttgers, einen so unglaublichen Blödsinn über die mangelnde Akzeptanz des deutschen Mitbe-stimmungsrechts durch GM absondern darf, ohne unverzüglich, d.h. ohne schuldhafte Verzögerung durch die ausführenden Organe, in die Klapse gebracht zu werden.
Nein, Ihr Polittrottel, zum wiederholten Male: Ihr seid nicht, wiederhole, nicht, die Mächtigen, Ihr seid nur einigermaßen gut bezahlte Handlanger der Macht, die manchmal sogar, allerdings nur zu weniger wichtigen Entscheidungen, beigezogen werden. Ihr habt nichts zu sagen, Ihr habt nur die Deckung zu bilden, hinter der die Mächtigen ihre Spiele spielen und ihre Geschäfte abwickeln. So lange Ihr das tut, werdet Ihr auch weiterhin gut bezahlt, sobald Ihr andere Aspirationen habt, zeigen Euch die großen Jungs mal, was passiert, wenn sie die Muskeln auch nur ein bißchen anspannen. Na, wollt Ihr das, Ihr weichgespülten Berufsdummbeutel, denen schon der Berufsberater in der Untersekunda keine Eignung für einen bürgerlichen Beruf zumesssen wollte, und deswegen im Scherz „Minister“ als Berufsziel vorschlug? Ihr habt ihn ernst genommen, und, wie es so oft unter schlichten Naturen üblich ist, seinen Rat sogar noch sklavisch befolgt, als es längst an der Zeit gewesen wäre, der Vernunft zu folgen. Aber die nehmt Ihr ja nie wahr.
[ak]





Nett, so ein langer Artikel und ganz ohne Werbung unterbrochen. Könnte man das noch mal auf einen Zweizeiler zusammenfassen?
Aber Du hast Recht was in unserer Politik vor sich geht ist zum Magenentleeren über den Mund.
Wenn Andreas nur Zweizeiler schreiben würde, wären er und ich wohl recht unzufrieden damit ;-)
Wie ich ihn aber kenne, wird er Dir vermutlich gerne trotzdem eine derart verkürzte Zusammenfassung liefern …
Beste Grüße
Frank
Bidde sehr, bidde gleich, liebe Magistin:
Die causa Opel beweist, dass Politiker dumm sind und machtlos gegen Wirtschaftsgangster.
Nicht ganz so lesenswert in dieser Form, wie ich finde, aber so ist es ja immer: Der Ton macht die Musik, nicht wahr?
Einen schönen Sonntag, zusammen!
Andreas
Dat war jetz aba nur ein Satz, mein Wertester ;-)
LG
Frank
Abba zwei Zeilen, wie gewünscht, mein Gutester!
Beste Grüße!
Andreas
@Andreas
*rofl*
„Saarland … Elsaß-Lothringen …“ Jaja, seit die Menschheit den Ostafrikanischen Graben verlassen hat iss alles aus´m Lot!
wenn es je eines Beweises bedarf, dat die „Politniks“ (schöne Wortschöpfung, kannt´ ich noch nich) nix mit Ihrem Job anzufangen wissen und nur besoffen durch die Gegend torkeln „Isch bin hier Schähef, Mann iss dess geiheil“ dann bei solchen. Unn gleichzeitig wird auch bewiesen, dass Menschen nich Lernfähig sind, unn Politniks schon ´mal garnich! (beliebig fortzusetzen!)
*ichschmeißmichweg* spätestens jezz weißt Du, warum ich geschlagene 6 Tage gebraucht habe, das zu kommentieren *ichlachmichnochtot*
Den Rest kommentier ich nich mehr, das überleb´ich nich.
Andreas: Für alle Orden hiermit vorgeschlagen!!
Allerbeste Grüße